Samstag, Mai 18, 2013
   
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Gibt es die perfekte Jeans?

Sven Kuntzes Suche nach einer umweltfreundlichen Hose

grünes Label „organic cotton“ auf Jeans; Rechte: WDR Vor kurzem zog ich los, um eine neue Jeans zu kaufen. Jeans trage ich schon seit 40 Jahren und auf den Stoff schwöre ich einfach. Im ersten Geschäft entdeckte ich ein neues Zeichen an der Hose, das mich verwirrte: Organic cotton. Der Verkäufer erklärte mir, dass es sich um Biobaumwolle handelt, die mit weniger Wasser und ohne Pestizide hergestellt wurde. Die wollte ich gerne haben, aber leider war sie mir in Größe 34 zu klein und größer hatten sie sie nicht vorrätig. Ich bestellte mir also eine Hose in Größe 36, etwas frustriert, denn früher hat 34 immer gepasst. „Kann man ja wieder hinkriegen,“ tröstete mich der Verkäufer.

Als ich den Laden verließ, dachte ich über das nach, was ich gehört hatte: ist denn der Anbau von Baumwolle so ein Problem? Das wollte ich genauer wissen.


Umweltproblem Baumwolle

Sven Kuntze und Armin Reller sitzen an Laptop, im Hintergrund See;  Rechte: WDR
Professor Armin Reller von der Universität Augsburg ist Fachmann für Baumwolle. Bei ihm frage ich nach. „Die Baumwolle wird an Orten angepflanzt, wo sie eigentlich nicht hingehört und dort braucht sie extrem viel Wasser,“ erklärt mir der Professor. „Eine Jeans braucht je nach Anbaugebiet bis 10.000 Liter Frischwasser.“ Das ist natürlich eine Menge. Schließlich werden, so habe ich gelesen, weltweit 1,8 Milliarden Jeans hergestellt. Professor Reller berichtet dann vom Aralsee in Asien. Er war einmal der viertgrößte Binnensee der Erde, so groß wie Bayern. Seit 1960 ist er aber um die Hälfte geschrumpft. Der Grund: Die Sowjetunion wollte in den 50er Jahren unabhängig von Baumwollimporten werden und legte riesige Baumwollfelder an. Doch die Gegend ist eigentlich zu trocken dafür. Also zapfte man die Zuflüsse des Sees an, um die Pflanzen zu bewässern. Außerdem wurden die Felder intensiv mit Pestiziden und Dünger behandelt. Diese Stoffe gelangten ins Grundwasser und bedrohen nun die Gesundheit der dort lebenden Menschen. „Ich habe gestern gelesen, dass ihre Lebenserwartung deutlich zurückgegangen ist. Die Lebenserwartung im Moment ist nur noch 51 Jahre,“ berichtet Professor Reller. Der Anbau von Baumwolle erzeugt also tatsächlich massive Umweltprobleme. Und was ist mit der Biobaumwolle? Ich erfahre von Professor Reller, dass sie nicht mit Pestiziden und Dünger behandelt wird, was ein großer Vorteil ist. Außerdem behandelt man beim ökologischen Anbau den Boden anders, so dass er Wasser besser speichern kann. Biobaumwolle kommt daher meist mit weniger Wasser aus. Doch jetzt bin ich hellhörig geworden. Muss es denn eigentlich unbedingt Baumwolle sein?

Warum nicht Hanf?

Sven Kuntze und Frau Mölleken im Hanffeld; Rechte: WDR

Professor Reller bringt mich auf eine Idee: Er erzählt, dass es früher eine andere wichtige Textilpflanze gab, die dann von der Baumwolle verdrängt wurde: Hanf. Warum nicht? Die erste Levis Jeans 1870 war schließlich auch aus Hanf. In meiner Jugend hatte Hanf zwar eine relativ schlechte Presse, aber das weckt meine Neugier nun noch mehr: eine Hanfjeans muss her! Aber leider wird das gar nicht so einfach. In der ganzen Kölner Innenstadt kann man keine Hanfjeans kaufen. Im Internet werde ich schließlich fündig. Ich bestelle eine Jeans bei einem Anbieter für Hanfklamotten. In drei Tagen soll sie geliefert werden. Vorher möchte ich aber noch mehr über diese Pflanze erfahren. Auf einem Hanffeld in der Nähe von Paderborn treffe ich mich mit Dr. Helga Mölleken von der Universität Wuppertal. Sie ist Expertin für Hanfanbau und erzählt mir, dass ich vor 250 Jahren keine Probleme gehabt hätte, eine Hose aus Hanf zu kaufen. Denn damals gab es viele Hanffelder in Deutschland und auch viele Hanftextilien. Hanf ist nämlich eine sehr anspruchslose Pflanze, lerne ich. „Der Hanf braucht viel weniger Wasser als Baumwolle. Er hat eine sehr lange Wurzel, so dass er auch in tieferen Bodenregionen Wasser aufnehmen kann.“ Auch Pestizide und Dünger benötige er nicht, denn die Hanfpflanze wachse so schnell, dass andere Pflanzen, eben auch Unkräuter, gar keine Chance haben. Eigentlich perfekt.


Meine neue Lieblingshose


Sven Kuntze trinkt Kaffee, im Hintergrund zwei Schaufensterpuppen mit Jeans an; Rechte: WDR

Ein paar Tage später ist sie endlich da. Meine Hose aus Hanf sieht aus wie eine normale Jeans. Gott sei Dank. Ich will ja nicht im Öko-Look herumlaufen. Der Stoff fühlt sich angenehm an, die Hose sitzt – ich bin sehr zufrieden. Aber hält sie auch etwas aus? Dazu befrage ich den Textiltester Dr. Thomas Bahners vom Deutschen Textilforschungszentrum in Krefeld. Die große Überraschung: auch er trägt eine Hanf-Jeans! Er hat Hanfhosen mit regulären textilwissenschaftlichen Methoden geprüft und kommt zu dem Ergebnis, dass sie mindestens so gut wie Baumwollhosen sind. Was die Scheuerbeständigkeit angeht sind die Hanfjeans sogar deutlich überlegen. Und: die Hanfhose nimmt Hautschweiß viel schneller auf und hält ihn auch fest. „Das heißt, die Hose ist im Sommer immer trocken und kühl“, erläutert Thomas Bahners. Inzwischen bin ich restlos überzeugt. Die Hanfjeans ist meine neue Lieblingshose! Nur schade, dass man sie noch nicht überall im Laden finden kann. Hanfkleidung ist zurzeit ein Nischenprodukt. Da es noch keine modernen Maschinen für die Verarbeitung von Hanf gibt, kostet die Herstellung einer Hanfjeans etwa fünf Mal mehr, als die einer normalen Baumwolljeans. Mein Internetanbieter spart sich Vertriebs- und Werbekosten und kann deshalb relativ günstig verkaufen. Aber bevor ich meine neu entdeckte Lieblingsklamotte im Geschäft um die Ecke kaufen kann, muss die Industrie wohl noch kräftig investieren.


Quelle: wdr.de